Der Tag danach


Der Morgen nach dem Screening fühlte sich schrecklich für mich an. Da ich kaum geschlafen hatte fühlte ich mich total verkatert. Noch dazu wusste unsere Tochter nichts von unserer derzeitigen Situation, was zusätzlich belastend war. Sie ist eine sehr sensible Seele die Veränderungen in uns schnell wahrnimmt und auch sofort spiegelt.

An diesem Morgen brachte ich unsere Tochter zum Kindergarten. Jeder Schritt war mühsam.

Dieses Aufrechterhalten einer Fassade verlangte unheimlich viel Kraft ab, die ich aber aufgrund meines Schlafmangels gar nicht zur Verfügung hatte.

Währenddessen hat mein Mann den Kindergarten informiert das unsere Tochter noch nichts von unserem Schicksal weiß.

Als wir am Vormittag noch notwendige Lebensmittel gemeinsam einkauften meinte mein Mann zu mir:

„Ich halte das es nicht aus nicht darüber reden zu können. Ich werde es jedem erzählen.“

Er hatte vollkommen recht. Das Verschweigen machte es wirklich unerträglich.

Zu Hause kehrte ich noch mal in mich bevor wir das Mittagessen zu kochen begannen. Dominik wird nicht mit uns leben können. Das stand für mich und auch für meinen Mann fest.

Aufgrund der vielen Besonderheiten (so nenne ich jetzt mal die multiplen und schweren Fehlentwicklungen), die festgestellt wurden, war für uns nicht nachvollziehbar wie er außerhalb meines Bauches überleben sollte.

Und falls ja wie das Leben ausschauen würde.

Im Gedanken spielte ich die Möglichkeiten durch die im Raum standen:

Dominik könnte bereits in der Schwangerschaft versterben, wenn wir diese Fortsetzen.

Dies wäre dann auch für mich riskant geworden bzw. konnte ich mir auch nicht vorstellen mit dem Wissen einigermaßen den Alltag zu bewältigen.

Dominik würde, sehr wahrscheinlich, die Geburt nicht überleben.

Möchte ich ihm das Zumuten?

Wenn Dominik die Geburt überlebt müsste er so schnell wie Möglich operiert werden. (Herz und Gehirn).

Für wen sollte er leben…. Für uns?

Es war bestimmt nicht das Leben welches ich ihm gewünscht hätte…

Ich spürte innerlich wie klar es Dominik mir machen wollte. Er hatte, nur rein von all den Besonderheiten, nur eine geringe Chance zu leben und wenn dann würde er auch das Krankenhaus nicht verlassen können….

Ich spürte dass dies für mich und auch für unsere Familie nicht tragbar sein würde.

Was wirklich hart klingt, aber es spürte sich nicht richtig an für ihn aber auch für uns.

An diesem Vormittag redetet ich auch noch mit Dominik über meine Gefühle und ich merkte wie ich mich innerlich bereits auf die Geburt vorbereitete.

Mit einem Mal bekam ich eine ungeheure Kraft und ich wusste ganz genau, so und nicht anders muss es sein.

Dieser Moment hat mich ins JETZT versetzt und ich öffnete mich, wie ich mich schon zuvor bei unserer Tochter zur Geburt öffnete - Innerlich.




Wie sag ich es nur?

Mein wunderbarer Mann redete gleich nach dem Kindergarten mit unserer Tochter. Er erklärte es ihr so dass das Baby außerhalb meines Bauches leider nicht leben kann. Der Körper ist leider kaputt und die Seele wird aus seinem Körper ausziehen. Wir werden heute am Nachmittag nochmals eine Untersuchung machen lassen.

Sie war kurz geschockt, hat die Nachricht angenommen und ist gleich zum Tagesablauf übergegangen.

Erst nach und nach kam es in ihr hoch, da sie sich ja schon auf ihr Geschwisterchen gefreut hatte. Sie durfte, genau wie wir auch, weinen, wütend sein, alles was es eben in den Momenten brauchte.

Vor dem Telefonat mit meinen Eltern hatte ich Angst. Ich wusste ich musste sie bitten auf unsere Tochter während der Fruchtwasseruntersuchung aufzupassen und ihnen gleichzeitig sagen, dass ihr Enkelkind leider schwerst krank war und keine realistische Überlebenschance hatte.

Meine Mutter war zwar im ersten Moment klarerweise geschockt, aber sie meinte gleich dass wir es zusammen schaffen werden.

Dafür bin ich ihr bis heute dankbar…

Die Fruchtwasseruntersuchung

So saßen wir dann am Abend (der Termin musste kurzerhand von Nachmittag auf frühen Abend verschoben werden), vor Ort und warteten auf die Untersuchung.

Wir verstummten als wir eine hochschwangere Frau aus er Ordination kamen sahen. Nicht weil wir traurig waren sondern weil unser Gespräch sich um den bevorstehenden Tod von Dominik drehte.

Vor der Untersuchung konnten wir nochmals viele Fragen stellen, was vor allem für meinen Mann wichtig war.

Die Fragen die er stellte, kamen mir gar nicht in den Sinn. Aber sie ergänzten sich wunderbar mit meinen Fragen.

Vor der eigentlichen Fruchtwasseruntersuchung wurde nochmals ein genauer Ultraschall gemacht. Und hier fiel mir, als Laie, das große Loch im Herzen auf. Es war so deutlich da - so sichtbar für mich.

Die Punktion war recht unangenehm aber recht schnell erledigt. (Zum Glück hatte ich gleich mal die Augen zu denn ich kann mit Spritzen nicht so gut umgehen.)

Apropos Spritze.

Als wir nach den Möglichkeiten fragten was man denn mit so einer Diagnose denn machen kann, da bekamen wir die Information dass im LKH die Geburt eingeleitet wird.

Sofort hörte ich eine innere Stimme sagen: Er bekommt eine Spritze.

Keiner der beiden anwesenden Ärzte hat dies gesagt, ich habe es einfach vorher schon gewusst.

Wieder zu Hause angekommen waren wir angenehm überrascht dass Greta bereits eingeschlafen ist.

Wir bedankten uns bei meinen Eltern und redeten nochmals über den Tag.

Für uns war nun sonnenklar den Befund abzuwarten und dann die nächsten Schritte einzuleiten. Aber für da alles so gravierend war wussten wir schon dass wir uns sofort auf die Einleitung einstellen werden.

Wir werden ihn also gehen lassen...

Es gab für uns keinen Zweifel.

Als ich später noch allein in der Dunkelheit saß um mit Dominik zu reden, da spürte ich ganz klar dass er mich als Mutter ausgewählt hatte.

Es klingt ein wenig verrückt aber es fühlte sich so an für mich.

Wie eine uralte Freundschaft schon bevor ich auf diese Welt gekommen bin.

Wir werden gemeinsam diesen Weg gehen und ich werde ihn, so gut es mir möglich ist, begleiten.


Da mir der Gedanke an das LKH keine Ruhe gelassen hatte rief ich eine gute Freundin und supertolle Hebamme an.

Sie erklärte mir dann ganz genau was alles sein kann, wie sich das Kind anfühlen kann und vieles mehr noch. Aber der wichtigste Satz kam gleich zu Beginn:

Es ist eine Geburt


Mit all den Informationen, die ich wirklich gebraucht hatte, ging ich ins Bett.

An diesen Abend schlief ich schon um einiges besser.


Es ist eine Geburt... ja - er ist ja auch mein Kind....


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